Mittwoch, 22. August 2007

Sehnsucht

Am Fenster sitzend bei griesgramgrauem Regen, und sich ein Leben vorstellen, das man nicht hat. Das einen auf weite Reisen führen würde – der lap-top als wichtigstes Gepäck, das man überall im Auge behalten müsste. Natürlich auch eine Kamera, die eher vorsichtshalber. An Bildern liegt ihr nicht soviel, das können viele nicht verstehen, aber sie hat alle Bilder in ihrem Herzen. Selbst die beste Kamera könnte dagegen nur unscharfe Bilder liefern. Beim Aufwachen hört sie die Minarette und riecht fremde Gewürze. Sie saugt den Duft eines Meeres ein, das weit entfernt ist. Die Pflanzen und die Tiere, die ihr in dieser frohen Zeit begegnen, wenn sie die Nacht verlassen hat und der Tag noch nicht wirklich zugreift, kommen aus einer anderen Zeit und sind von nie gesehener Schönheit. Auf dem Tisch hingegen liegt, in einer hässlichen, fettigen Tüte verpackt, ein Croissant. Sie hat keinen Hunger. Vielleicht würde sie, lange genug gereist, irgendwo stranden und bleiben. Ein kleines Café eröffnen, mit den Kindern eines fremden Dorfes spielen, als Frau mit dort exotisch heller Haut für sie etwas ganz besonderes sein. Und natürlich würde sie schreiben, am Abend, Geschichten für die Kinder und Nachdenkliches über den Ort, von dem sie kam. Um dann vielleicht doch wieder auf zu brechen. Immer wieder. Die Frauen wären ihr wichtig, die Frauen, die an allen Orten Besonderes leisten und Spezielles wissen, dafür bräuchte sie ihre Kamera, denn Frauen sind so, wie wollen entdeckt und erforscht werden. Eine späte Liebe vielleicht, zu einer Frau womöglich, einer Polin, die Anna heißt. Oder zu einem Mann, einem Reisenden im Leben, der anders wäre, als fast alle. Nicht sicher und nicht bequem, aber klug müsste er sein. Irgendjemand malt Bilder in ihrer Vorstellung, Bilder die mehr ausdrücken als jede Fotografie. Sie wird langsam alt, die braun gebrannten Beine sind schon etwas runzelig, im Gesicht viele fröhliche Fältchen, und auf einem der Bilder entdeckt sie, dass sie dennoch sehr schön geworden ist. Irgendwo hört sie Melodien eines alten Klaviers. Ein freundlicher Friede liegt über einer farbenfrohen Welt. *** Ein Croissant liegt immer noch vor ihr auf dem Tisch. Der Regen hat aufgehört und eine verschmierte, völlig farblose Ansicht vor ihrem Fenster hinterlassen. Sie muss auf die Bank. In ihrem wirklichen Leben ist alles klein und ein wenig ungelebt. Den lap-top hat sie schon und die Bilder im Herzen. Deswegen schmerzt sie auch etwas, das Unbekanntes wagen will und doch nur wartet, bis wieder ein Tag sie erledigt mit seiner Ungenauigkeit.

Das fremde Mädchen

Den Koffer fallen lassen, gleich nach der Grenze. Die Schuhe schnell abziehen und im Sand vergraben. Sie ist eine Flüchtlingsfrau und deswegen über jedes Maß vorsichtig. Am Strand ist weit und breit niemand, der ausgerechnet ihre abgelaufenen russischen Galoschen stehlen würde. Vorsicht bemisst sich aber daran, wie wichtig etwas ist. Dieses Galoschen sind die einzigen, die sie besitzt. Und sie hat sich zudem geschworen, sollte sie jemals in Sicherheit sein, sie für immer auf zu bewahren. Sie will sie an die Wand hängen in einem neuen Zuhause. Und sie einmal irgendwann ihren Enkeln zeigen. Jetzt, jetzt ist es soweit. Sie würde ein neues Zuhause bekommen. Sie würde bestimmt auch Enkel bekommen. Sie rannte auf das fremde Meer zu, ein kaltes Meer wie früher und sie ließ ihre nackten Füße erschauern von einer ersten Welle. Die Welle verband sie mit einem anderen Ufer hochdroben an der Nehrung. In diesem Moment, mit dem Blick auf den diesigen Horizont, fühlte sie die Sicherheit wirklich. So verbunden mit einem Blick in die Ferne, der Punkt ihrer Herkunft, als könnte sie ihn spüren. Die Füße jedoch in einem freien Land, da war sie sicher. Die Mutter hatte sich in dem schmalen Zimmer, das man ihnen zugewiesen hatte, hingelegt. Die Mutter war immer schon eine ausgezeichnete Schläferin gewesen. Das hatte sie gerettet. Bestimmt würde sie jetzt vierzehn Stunden oder noch länger schlafen und sich vorher keinen Deut um ihre neue Umgebung kümmern. Cathryne musste grinsen. Sie hatte alle Zeit sich zu orientieren.

Annike

Sie lebte schon lange auf der Insel. Ganz am hinteren Stück, wo die Welt ein bisschen aufhört und gerade deswegen für sie immer gewiss war. Mit dem Ende der Welt im Blick...
Irgendwann verwandelte sich das bessere Deutschland in das noch bessere. Auch auf der kleinen Insel zog die westliche Welt ein, wenn auch nur langsam. Die Menschen, die hier wohnten, veränderten sich nicht so schnell, wenn sie schon viel gesehen hatten. Und Annike war auch nicht gerade die Jüngste. Sie rieb sich ein wenig die Augen, weil nun andere Menschen auf die Insel kamen, in größeren, schickeren Autos, in edleren Kleidungsstücken. Die ganze Insel wurde etwas bunter, bis es schon zu bunt wurde. Aber die alten Häuser wurden sooo schön renoviert.
Wenn der kleine Jonas zu Besuch kam, von seiner Mama aus Leipzig gebracht, begannen für die alte Annike ein paar Festtage. Es gehörte sich zwar nicht, aber insgeheim war sie ganz froh, dass ihre Tochter alleinerziehend war und so ab und an einfach eine Erholungspause brauchte. Mit Jonas wurde sie wieder jung, sie konnte stundenlang Muscheln sammeln und Holzstückchen. Jonas war ein phantasievolles Kind und gab den Muscheln Namen. Die Holzstücke, die er fand, waren Kähne und Schiffe in seiner Phantasie und er erzählte Geschichten, wo sie herkamen und was sie schon alles erlebt hatten. Dann konnte Annike auch von früher erzählen und Jonas hörte mit sechsjährigen großen Augen und gespitzten Ohren zu.
Wenn sie den Wind und die feuchte Luft lange genug gespürt hatten, alle Taschen mit Muscheln, Steinen und Hölzern bis oben hin gefüllt waren, dann gab es ein großes Eis für Jonas und einen Tee mit Rum für die Oma, die immer ein wenig fror. Eines Tages, als sie auf dem Weg zum Café waren entdeckten sie eine neue Sensation. Da stand ein Verkäufer mit vielen wunderschönen Luftballons. Der Verkäufer war auch schon alt und hatte rabenschwarze Haut. „Guck mal Oma, da gibt es Luftballons aus Afrika“, rief Jonas laut und ganz begeistert. Annike war das etwas peinlich, denn obwohl sie schon alt war und fast nie die Insel verlassen hatte und vorher, in ihrem alten Leben, das kleine Dorf fast nie, in dem sie geboren war, war sie doch in ihrem Herzen eine durch und durch weltoffene Frau, die jeden Menschen achtete. Gerade wollte sie sich schnell entschuldigen, dass ihr Enkel nur so eine schöne Phantasie habe, aber der alte Verkäufer lachte laut und sagte in flüssigem Deutsch zu Jonas: „Aber ja, das hast du gut gemerkt. Diese schönen Ballons kommen direkt aus Afrika, die haben schon so eine weite Reise gemacht. und schau mal, wie gut sie das überstanden haben. Weil sie so schön fliegen können, deswegen.“ Jonas hüpfte von einem Bein aufs andere, ganz aufgeregt. „Und du, kommst du auch aus Afrika?“ „Nein, nein“ sagte der alte Mann, „mein Papa kam aus Afrika, und weil ich mich deswegen mit Afrika ein wenig auskenne, stehe ich morgens auf dem Balkon und die schönen Luftballons fliegen direkt zu mir und ich muss sie nur noch auffangen.“ Auf Annikes Gesicht war ein schönes Lächeln erschienen, das gar nicht mehr verschwinden wollte. Sie kramte in ihrer Geldbörse. „Was kostet denn so ein Ballon?“, fragte sie, „Ich denke Jonas möchte sehr gerne einen haben.“ „Oh ja, er soll sich einen aussuchen, vielleicht finden wir raus, welcher Ballon die weiteste Reise gemacht hat, der ist dann für ihn. Aber von Ihnen nehme ich kein Geld, gnädige Frau, sie haben mir schon so ein schönes Lächeln geschenkt, so schön...“ Er schaute sie lange an und Annike wurd ganz komisch. „Aber..., doch....“, sie wehrte ab. „Nein, das geht nicht“, sagte er jetzt listig, „weil ihr Enkel doch ein Afrikafachmann ist. Noch nie hat jemand erraten, wo die Ballons wirklich herkommen. Er hat sich einen redlich verdient.“ Und Jonas suchte sich den buntesten Luftballon aus und der alte Mann bestätigte ihm, dass er es genau richtig gemacht habe. Dieser Ballon kam ganz aus dem Süden, hatte den Äquator überquert und war von der Wüstenhitze und dann vom türkisfarbenen Meer immer bunter geworden. „Weißt du, wenn man viel erlebt, dann wird man immer bunter und schöner, so wie deine Oma, die hat ein ganz buntes Herz.“ Jonas sagte altklug: „Das weiß ich“ – und drückte sich dabei an Annike und den Ballon an sich. Er war stolz und glücklich.
Als sie dem Luftballonverkäufer auf Wiedersehen sagten, legte er seine Hand kurz auf Annikes Arm. „Das möchte ich mir wünschen“, sagte er, „dass wir uns bald Wiedersehen.“
Annike und Jonas merkten erst Zuhause, dass sie das Eis und den Tee vergessen hatten. Aber da klingelte such schon das Telefon und Jonas konnte seiner Mama aufgeregt berichten. Als Annike aus der Küche kam, hörte sie gerade noch wie er sagte: „Und die Oma muss jetzt auch nicht mehr traurig sein, weil der Opa auf dem Bild tot ist. Ich glaube, ich habe jetzt bald einen neuen Opa, der ist außen schwarz und hat innen ein ganz buntes Herz.“ Annike schnappte den kleinen Racker und versuchte schnell bei ihrer Tochter alles richtig zu stellen.
Richtig? Als sie im Bett lag, hatte sie das Gefühl schon lange nicht mehr sooo glücklich gewesen zu sein. Aber sie war doch nicht verliebt!?
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